Glänzendes Matt
Eine gewiefte Eröffnung oder ein glänzendes Matt beim Schach sind natürlich auch Schmankerl.
In dieser Rubrik steuert kein geringerer als der Internationale Großmeister Stefan Kindermann kluge Schmankerl bei. Sie können Herrn Kindermann persönlich antreffen in der Münchner Schachakademie. Kindermann engagiert sich auch in der Münchner Schachstiftung, die inzwischen an die 600 Kinder aus sozialen Brennpunkten durch Schachprojekte fördert.
In "Magie der Vernunft" geht es um den Ursprung des Schachspiels. Lesen Sie selbst!
Die Münchener Schachstiftung fördert inzwischen fast 600 Kinder aus sozialen Brennpunkten durch Schachprojekte.
Magie der Vernunft
Ein Maharadscha probt die Schlacht
ca. 450 nach Christus in Nordindien, bei Kanauj
„Auch wenn Du deine Pflicht bedenkst, geziemts sich`s Dir zu zittern nicht, Denn für den Krieger gibt es ja nichts Bessres als gerechten Kampf,
Als hätte sich von ungefähr des Himmels Pforte aufgetan, So grüßen freudig, Pritha-Sohn, die Krieger einen solchen Kampf...“
Krishna ermutigt und belehrt Arjuna vor der Schlacht, aus dem zweiten Gesang der Bhagavadgita
Nur wenig an Wissen über den Ursprung des Schachspiels ist es, das über den Abgrund der Zeit seinen Weg zu uns gefunden hat. Wild wogten im Lauf der Jahrhunderte die Vermutungen der Historiker und Anthropologen, lagen Indogermanisten und Archäologen im Streit. So abendländisch in seiner Natur schien es vielen frühen Gelehrten, dass gar der griechische Held Palamedes aus Homers großem Epos zum Erfinder proklamiert wurde: Vor Troja liegend hätten die Griechen das Schachspiel erfunden, um die Langeweile der endlosen Belagerung zu bezwingen.
Dieser Gedanke stützte sich wohl auf eine Amphore aus dem Jahre 530v.Chr., die Ajax und Achill beim Brettspiel zeigt. Etwas genauere Forschungen jedoch konnten keinerlei griechischen Bezug zum Schach mehr erhärten und so wechselten weiterhin die Theorien, zwischen Ägypten, China, Arabien und Persien schwankte die Kompassnadel der Forscher, bis sie sich im 19.Jahrhundert auf ein anderes, ebenso großes wie geheimnisvolles Land einpendelte. Weltreligionen sowie zahllose kulturelle und wissenschaftliche Errungenschaften sind aus ihm hervorgegangen, von tiefem mathematischem Wissen mit Entdeckungen wie dem Dezimalsystem oder der Null bis hin zum Kalarippayat, dem Ursprung aller fernöstlichen Kampfkünste...
Indien ist es, das heute einhellig als Wiege des Schachspiels betrachtet wird, neuere Forschungen weisen auf das fünfte Jahrhundert nach Christus als mögliches, jedoch keineswegs gesichertes Datum, auf das nordindische Kanauj mit dem königlichen Geschlecht der Maukharis als wahrscheinliche Region hin.
In jedem Fall entstammt das Schachspiel einer von ständigen Kämpfen geschüttelten Epoche, in der die Kriegskunst eine zentrale Stellung einnahm.
„Tschaturanga“, der Name des Urschachs, liefert schon einen klaren Hinweis auf seine Bedeutung. Denn genauso wurde das viergliedrige indische Heer mit Kampfwagen, Elefanten, Reiterei und Fußsoldaten bezeichnet. Und die bis zum heutigen Tag unveränderte Ausgangsstellung der Figuren im Schach spiegelt eine klassische indische Schlachtordnung wieder, das Fußvolk in gerader Reihe vor den übrigen Einheiten.
Viele Legenden ranken sich um die Person des „Erfinders“ selbst, oft wird er dabei als weiser Hindu geschildert, der sein gerade geschaffenes Spiel einem König darbringt. Vernünftig klingt zwar dagegen der moderne und allgemein akzeptierte Gedanke, das „Tschaturanga“, habe sich über einen längeren Zeitraum und unter dem Einfluss mehrerer „Erfinder“ entwickelt. Dennoch muss meines Glaubens nach irgendwann ein Genieblitz, eine Art von geistigem Quantensprung erfolgt sein, der erst die Grundlage für alle weiteren Ausformungen schuf. Welche besondere Motivation mag diesen ersten aller Erfinder bewegt haben, welche Voraussetzungen mussten gegeben sein? Niemals werden wir die wahre Antwort kennen, doch bleibt uns, ein wenig zu träumen:
Unruhig wälzte der höchste Brahmane des Königs sich auf seinem Lager. Doch weder das unablässige Rauschen des Monsunregens noch die feuchte Hitze, die die Kleidung sofort an der Haut kleben ließ, waren es, die ihm den Schlaf raubten. Immerfort zogen die Bilder der gestrigen Schlacht an seinem inneren Auge vorbei, der verhängnisvolle Verlauf, die wunderbare Rettung durch höhere Macht und dann der wortlose Urteilsspruch, der nun seinen Lebensfaden jäh durchtrennen würde.
Wieder vernahm er das wütende Trompeten der feindlichen Kampfelefanten, von den in ihren Nacken sitzenden Männern zu wildem Zorn angestachelt. Einer grauen Lawine gleich brachen die mit Kettenpanzern bewehrten Giganten in die Reihen des Fußvolks ein, eine blutige Schneise in die vorher fest gefügte Schlachtordnung schlagend. In wilder Panik stoben die Männer auseinander und auch der junge Maharadscha und er selbst verdankten ihre Rettung nur den schnellen Rossen des königlichen Kampfwagens.
Das triumphierende Dröhnen gegnerischer Muschelhörner mischte sich mit den Schreien der Männer, schon längst war nicht mehr zwischen Schlachtrufen und verzweifelten Schmerzenslauten zu unterscheiden. Über allem aber lag unverwechselbar der eigentümliche Geruch des Kampfes, gebraut aus Blut, den Ausdünstungen von Mensch und Tier sowie den aromatischen Düften der nordindischen Ebene.
Doch mit seltsamer Klarheit verspürte er die Gegenwart seines Königs vor ihm, längst schien dessen gläserner Blick nicht mehr die Welt um ihn herum wahrzunehmen, sinnlos verschoss er Pfeil um Pfeil ins Leere, von niemandem als seinem Berater gehörte wütende Befehle brüllend. Denn so schnell hatte ihr Wagenlenker sie aus dem Brennpunkt des Kampfes gebracht, dass keiner der Meldereiter ihnen hatte folgen können.
Jetzt waren die Generäle der vier Truppenteile auf sich selbst gestellt, kein planender Geist lenkte mehr die gemeinsamen Aktionen der Elefanten und Kampfwagen, der Reiterei und des Fußvolks.
Ach, nur zu leicht war der junge König der durchsichtigen List des gegnerischen Feldherrn zum Opfer gefallen. Eine kleine Stichelei an der äußeren linken Flanke hatte genügt, und schon hatte er die lebenswichtige Mitte entblößt um Kampfelefanten und Reiterei an den scheinbaren Brennpunkt zu entsenden. Kein Ohr hatte er für die dringlichen Warnungen seines obersten Beraters gehabt, der ihn zur Vorsicht mahnte und an die uralten Weisheiten der Kriegsführung erinnerte. Nicht die kleinste Demütigung des verhassten Gegners wollte er erdulden, jeden Übergriff sofort mit strenger Hand bestrafen. Erneut hörte er die verzweifelten Bitten des Generals der Infanterie, seine Männer nicht sinnlos zu opfern. Allzu gut verstehen konnte er die Bitterkeit des erfahrenen Kriegers, nur eine wegwerfende Geste und ein knapper Befehl waren ihm zuteil geworden, dies würde den Tod unzähliger Soldaten bedeuten.
In tiefer Erstarrung erlebte er dann das Sakrileg, hatte der General sich doch an ihn selbst um Hilfe gewandt, den Großkönig nicht achtend und übergehend. Flammrot das Gesicht des Königs, tödlicher als ein Dolch sein Blick.
So laut stöhnte der Brahmane auf seinem Lager, dass sein Diener in der Ecke des Zeltes erwachte, um nach seinen Wünschen zu fragen. Schnell hatte der Diener einen belebenden Trunk aus Joghurt und Kräutern bereitet, während er selbst sich erhob, um das Zelt mit unruhigen Schritten zu durchmessen.
Ja, frevlerische Gedanken über seinen Herrscher bedrängten den hohen Berater. Obwohl doch durch karmische Folge an seinen Platz gestellt und so über allen menschlichen Zweifel erhaben, wusste doch ein rebellischer und lange verdrängter Teil des Beraters nur zu gut um dessen menschliche Schwächen. Schon mit 13 Jahren durch eine mörderische Intrige seiner Familie auf den Thron gelangt, hatte dadurch seine traditionelle Erziehung und Ausbildung ein jähes Ende gefunden. Schnell scharte sich ein Heer von Günstlingen und Speichelleckern um den kindlichen König, die dessen schlechteste Charakterzüge nach Kräften förderten. In diesem Land voll ständiger Fehden und Kämpfe stand der König an oberster Stelle der Kriegerkaste, er war zugleich höchster Befehlshaber des Heeres und verbrachte einen Großteil der Zeit im Feldlager.
Viel zu impulsiv und jähzornig und ohne wirkliche Erfahrung im Kriegshandwerk, pflegte der Jüngling jede Ermahnung hochmütig in den Wind zu schlagen, sein leichter Erfolg im Krieg gegen die räuberischen weißen Hunnen hatte ihm endgültig jeden Sinn für Gefahren und Realitäten geraubt. Wieder und wieder wollte er seinem König die alt erprobten Strategien des Krieges erläutern und seinen Sinn für kühle Planung schärfen.
Aber verächtlich pflegte dieser sich vom traditionellen Modell der Schlacht auf sandigem Grund abzuwenden: „Leblos bleibt dieses Bild, niemals kann so der Geist des Krieges entstehen. Symbole der Truppen, nach Belieben hierhin und dorthin verschoben, nichts hat das gemein mit feurigem Kampfe, wo auf jede Attacke die Antwort des Feindes folgt und Verteidigung mit Gegenangriff wechselt. Göttliche Intuition ist es, die mich leitet und die rechten Entscheidungen treffen lässt, wie soll das im Sandkasten geübt werden?“
Und trotzig wandte er sich dann sogleich dem von ihm mit kindlicher Leidenschaft gehuldigtem Würfelspiel zu, auf rechteckigem Feld suchte hierbei jeder der Spieler seine Steine möglichst schnell in die Heimat zu führen, erlaubten es die Würfel, konnten die Steine des Gegners geschlagen und wieder an den Anfang zurück befördert werden. Lautstarker Jubel und Verzweiflungsschreie begleiteten den Spielverlauf, Götter und Dämonen wurden zur Hilfe beschworen, manch ein geschickter Höfling hatte hier sein Glück gemacht, manch einer aber auch seine weiteren Tage im Kerker gefristet, denn oft zu verlieren konnte der König nicht gut ertragen...
Nur scheinbar war der Triumph gegen die Hunnen ein Erfolg des königlichen Feldherren gewesen, in Wahrheit trugen jedoch nur die große Überlegenheit des klassischen indischen Heeres und ein einfacher, von ihm dem König unauffällig eingegebener Plan die Verantwortung für den Sieg über die wilden Reitertruppen.
Durch Fußvolk und Reiterei war die gegnerische Kavallerie in ein etwas längeres Gefecht verwickelt worden, dann hatten sich im rechten Moment die eigenen Reihen geöffnet, um die alles zermalmenden Kampfelefanten hervorbrechen zu lassen, die flüchtenden Feinde wurden dann von den schnellen Kampfwagen aus mit Pfeilen und Speeren überschüttet.
Wie hatten die schwarzen Augen des Königs vor Kampfeslust geglüht, als er selbst im von vier prächtigen Rossen gezogenen Wagen die fliehenden Hunnen verfolgte. Mit dem riesigen Bogen und dem goldenen Helm schien er in jenem Moment wahrlich dem zerstörenden Gotte Schiva gleich.
Heute jedoch waren sie einem ebenbürtigen indischen Gegner mit gleichen Waffengattungen gegenüber gestanden, dessen Heeresformation die eigene auf seltsame Weise spiegelte. An den beiden äußeren Flanken die schnellen Kampfwagen, jeweils daneben die wendige Reiterei, dann erst die gewaltigen Elefanten, deren empfindliche Flanken stets geschützt werden mussten. In der Mitte des Heeres gut bewacht der Herrscher und sein Berater.
Voran schritten jedoch zunächst in vorderer Reihe die Fußsoldaten, um alle Voraussetzungen für den wirkungsvollen Einsatz der anderen Waffengattungen zu schaffen.
Er nahm einen tiefen Schluck aus dem Becher, für einen Moment brachte der intensive Geschmack von Minze und Kreuzkümmel ihn zurück in die Gegenwart. Dann wanderten seine Gedanken zurück zum seltsamen Fortgang der Schlacht.
Versteinert hatte er von sicherem Ort aus den Zusammenbruch ihres Heeres beobachtet. Nur noch eine Abteilung der Kampfelefanten leistete Widerstand, der Rest der stolzen Armee hatte sich zur ungeordneten Flucht gewandt und versuchte, in verzweifeltem Wettlauf, das befestigte Lager zu erreichen. Aber viel zu nahe war schon die feindliche Reiterei, sogleich würde ein furchtbares Morden beginnen...
Da aber öffneten sich die Schleusen des Himmels und ein gnädiger Gott schickte Sturzfluten zur Erde. Innerhalb weniger Augenblicke verwandelte sich die Ebene in Schlamm und Morast, ein Vorhang aus Wasser machte es unmöglich, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Einen Monat zu früh hatte der Monsun eingesetzt und einen Großteil ihres Heeres vor dem scheinbar sicheren Untergang gerettet. Glück und Erleichterung machten sich in ihm breit, während der Wagenlenker mühsam die Pferde am Zügel zum Lager hin führte.
Erst beim königlichen Zelt angelangt wandte der Herrscher sich um und in hasserfüllten Augen las er sein Todesurteil. Die Demütigung dieses Tages würde ihm nicht vergeben werden, der Schuldige war schon gefunden. Gut genug kannte er diesen Ausdruck beim König , um genau zu wissen, was ihn erwartete. Irgendwann in den nächsten Stunden oder Tagen würden die Schergen des Königs in seinem Zelt stehen, würde sich die rote Seidenschnur um seinen Hals schlingen. Einen Brahmanen zu töten war ein furchtbares Verbrechen und vom Gesetz verboten, doch würde der König diese Aufgabe einigen „Unberührbaren“ übertragen, die danach ebenfalls nicht mehr lange im Wissen ihrer Tat über die Erde wandeln würden...
Ihm selbst war es verwehrt zu kämpfen, denn niemals durften seine Hände einem anderen Wesen Leid zufügen. Dennoch war der Tod in der Schlacht ihm schon oft erschienen, hatte er spitzes Eisen verspürt. Die Angst aber war ihm fremd geblieben, zu stark war sein Glaube an heilige Pflicht im Dienste des Gottes. Nun jedoch ließ jedes Geräusch ihn erschaudern, nicht mächtiger Brahmane war er jetzt mehr, sondern ein furchtsames Tier, zitternd auf dem Wege zur Schlachtbank.
Schon sah er seinen Körper schmählich verscharrt, auch seine Familie würde vor der Rache des Königs nicht sicher sein. Mit scharfem Schmerz gedachte er seines Sohns und der Frau.
Lange waren seine Freuden nur solche des Geistes gewesen, sein Leben dem Gotte und König gewidmet.
Erst als sein Bart schon die ersten silbernen Fäden zeigte, hatte er einer aus politischen Gründen arrangierten Heirat zugestimmt.
Mit Staunen gewahrte er die Zärtlichkeit, die seine zierliche, so zerbrechliche Frau in ihm weckte. Sein Sohn aber war es, der erste Liebe in ihm entzündete.
Er fühlte die schmalen Arme beim Abschied um seine Hüfte geschlungen, hörte sein Versprechen einer glücklichen Wiederkehr, ein Wort, das er nicht würde halten können. Kostbar und unwiederbringlich verloren die allzu knappe Zeit mit seiner Familie.
Wieder ein schneller Blick zum Eingang des Zeltes, umsonst mühte sein Ohr sich, das mächtige Rauschen des Regens zu durchdringen. Scham ob seiner Schwäche überschwemmte ihn, er suchte nach Kraft im Glauben. Dem Diener befahl er, Räucherwerk zu entzünden, dann kniete er im weißen Gewande vor dem Bildnis des Shiva und vertiefte sich in die heiligen Gesänge, die herrlichen Verse der Bhagavadgita. Auch der menschliche Held Arjuna wird hier schwach und wankelmütig im Glauben, er scheut die Schlacht mit Freunden und Verwandten. Dann aber wird er vom Erhabenen belehrt und gestärkt, seine edle Pflicht zu tun, ohne auf irdische Folgen zu achten. So sei ihm hohe Wiedergeburt und bald die Verschmelzung mit dem Gotte gewiss. Schon begann er, Trost zu schöpfen und sein Herz zu beruhigen.
Doch da, sein Ohr hatte ihn nicht getrogen: Ein Klirren von Waffen, Männer im Eingang des Zeltes! Er sprang auf, gewärtig, seinem Schicksal zu begegnen. Dann jedoch erkannte er die Offiziere, die ihm Meldung über erlittene Verluste und die Lage des Heeres brachten, noch hatte ihn also der Bannstrahl des Königs nicht erreicht, war ihm ein wenig Zeit verblieben.
Sie nannten ihm Zahlen, berichteten von der Stimmung der Soldaten. Viele Männer waren gefallen, weise wäre es wohl, im Schutze des Regens zum Rückzug zu blasen. Niemals aber würde der König dies tun! Welchem Unheil ging ihr Heer nur entgegen, schutzlos würde bald ihr Reich vor den Feinden liegen.
Erneut versank er in tiefem Gebet, sandte seine verzweifelte Bitte dem Shiva. Oh, könnte er nur den König ein wenig Vernunft und die Kunst des Krieges lehren, dessen starrsinnigen Hochmut überwinden! Gerne würde er sein Leben opfern, könnte er damit Heer und Reich retten. Er beschloss, das Orakel zu befragen, ob noch ein Schimmer von Hoffnung zu finden sei, oder aber unvermeidlicher Untergang ihr aller Geschick.
Vor sich legte er das magische Astapada, das quadratische Brett mit acht mal acht Feldern. Heilig die ordnende Vier, sie entsprach den vier Gliedmaßen des Menschen, den vier Kasten, den vier Himmelsrichtungen und den vier Elementen. Heiliger noch ihre Verdopplung, die bedeutsame Acht. Doch als höchste der Zahlen erschien ihr Quadrat, es spiegelt den Kosmos in seinen Dimensionen. Acht Schritte tat der König in jede Richtung vor Beginn der Schlacht, so schritt er symbolisch die Grenzen des Reiches ab.
Jedem der 64 Felder des Astapada war seit uralter Zeit seine Bedeutung zugemessen, sei es Zorn oder Freude, Sieg oder Niederlage. Mit kräftigem Schwung schleuderte er die Körner auf`das Brett, ihre Lage würde ihm ein wenig die Schleier der Zukunft lüften. Mit angehaltenem Atem starrte er dabei auf das düstere Feld des Untergangs. Aber, fast musste er lachen, die Körner der Zukunft hatten sich auf dem Felde des Spieles versammelt!
Unwillkürlich musste er an das Spielzeug seines Sohnes denken, das er in seinem Reisegepäck entdeckt hatte. Sicherlich hatte ein eiliger Diener beim Aufbruch versehentlich die aus Terrakotta kunstvoll geformten Figuren in eine der großen Taschen gesteckt. Sie zeigten die Teile des viergliedrigen indischen Heeres, des Tschaturanga. Es gab die einfachen, kleinen Fußsoldaten, die Reiter auf wendigen Pferden, Kampfwagen mit Bogenschützen und mächtige Elefanten mit drohend erhobenen Rüsseln. Manche der Figuren zeigten auch den König selbst, andere seinen Berater. Mit Leidenschaft spielte sein Sohn damit Krieg, stundenlang in erfundene Schlachten vertieft. Eine ganze Armee solcher Figuren hatte er schon versammelt, die würde er jetzt vermissen. Er nahm eine der Figuren in die Hand, sie zeigte den Berater des Königs, beim Transport wohl war der Kopf abgebrochen. Trotz der furchtbaren Hitze überlief ihn ein Frösteln, wieder kam ihm in den Sinn, wie knapp bemessen die ihm verbliebene Zeit in diesem Körper war. Er nahm eine Königsfigur in die andere Hand und setzte die beiden spielerisch auf die erste Reihe das Astapada. „Oh König, würdest Du nur Deinem treuen Berater vertrauen, nicht nur er, sondern auch viele Soldaten und Menschen des Reiches könnten ihren Kopf behalten!“ Erstaunlich gut passten die Figuren auf die quadratischen Felder, in Gedanken versunken begann er die anderen Terrakotta-Krieger so aufzustellen wie ein Heer vor dem Kampfe. Links neben den Berater einen Elefanten, dann einen Reiter, ganz außen den Kampfwagen. Ebenso verfuhr er zur Rechten des Königs. Vor sie setzte er in zweiter Reihe acht Fußsoldaten, die in der Schlacht in geschlossenen Reihen marschierten. Stellte man sich vor, dass jeder der Terrakottafiguren eine Abteilung von Soldaten entsprach, hatte er nun ein plastisches Abbild des Heeres vor sich, das Brett war zum Schlachtfeld geworden. Doch wo war der Feind? Völlig von seinem Tun gefangen, begann er in den Figuren seines Sohnes zu wühlen. Hier fand er eine Reihe älterer Terrakotten, die wesentlich dunkler gefärbt waren. In Gedanken bei der Schlacht des vergangenen Tages begann er sie in spiegelgleicher Formation auf den letzten beiden Reihen auf der anderen Seite des Brettes anzuordnen.
„Herr, ihr seid wahrlich ein Magier!“ hörte er den erstaunten Ausruf des Dieners. „Ihr habt auf dem Astapada die Schlacht wieder erstehen lassen! Könnt Ihr ihr auch eine glücklichere Wendung geben?“ Der Brahmane lächelte über die Naivität seines Dieners, doch dann schlug das Brett ihn wieder in seinen Bann.
Die Armeen aus Terrakotta schienen zum Kampf bereit, doch wer sollte das Kommando geben? Wäre dies nur ein Spiel, dem geliebten Würfelspiele des Königs gleich, es könnte den Herrscher begeistern! Eine Gemeinschaft hat jenes Spiel mit dem Kampfe, auch dort gibt es zwei Parteien, jeder Handlung folgt die Handlung des Widersachers. Doch sind die Steine des Spiels alle gleich, der Fall des Würfels bestimmt den Verlauf. Träumerisch bewegte er einen der Fußsoldaten ein Feld weit nach vorne. Er bemerkte, dass auch sein Diener immer noch unverwandt auf das Brett starrte. Wie er wusste, entstammte der Diener der Kaste der Krieger, viele Kämpfe hatte er schon bestanden.
Da durchzuckte ihn ein verwegener Gedanke: „Nimm auf der anderen Seite des Brettes Platz, vor den dunklen Figuren“ befahl er dem Diener!“ Dieser erschrak „Aber Herr, nicht geziemt es mir, mit Euch an einem Tische zu sitzen“
„Setz Dich, dies ist mein Befehl! Und nun stell Dir vor, Du seiest der Herr eines Heeres, das zur Schlacht sich jetzt rüstet. Sieh her, schon haben die Soldaten des Feindes den Vormarsch begonnen!“ „Auch ich würde zuerst die Soldaten marschieren lassen“ Und er ergriff einen der Fußsoldaten, um ihn ebenso wie der Brahmane auf das nächste Feld zu schieben. „Doch würde ich all die anderen Soldaten ebenso ins Gefecht schicken“ bemerkte der Diener.
„Ja, ja im Kampfe magst Du recht haben. Aber, so seltsam es klingt: Um ein wahrhaftiges Bild der Schlacht zu erschaffen, sind feste Regeln vonnöten. Chaos wird durch Struktur gebannt. Ein Stein steht für viele Soldaten, er stellt eine Einheit dar. In unserem Spiele darf jeder einen der Steine bewegen, dann ist die Reihe am Gegner.
„Ihr sprecht vom Spiele und Regeln, doch gibt es ja keine? Darf jede Figur immer ein Feld nach vorne ziehen?“ „Nein, nein, versteh doch, ich werde das Spiel jetzt erschaffen!“ Eine phantastische Vision hatte sich des Brahmanen bemächtigt, mit einem Mal schienen die Figuren auf dem magischen Brett von Leben erfüllt, er sah die Kampfwagen auf gerader Bahn über das Feld ziehen, den kaum zu bändigenden Elefanten im Rausch des Angriffs eine Einheit des Gegners vernichten, die wendigen Reiter in die Flanken des Feindes fallend, dabei jedwedes Hindernis überspringend.
„Jede der Waffengattungen soll in unserem Spiel ganz besondere Fähigkeiten erhalten, Fähigkeiten, die ihre Kräfte in der Realität spiegeln!“ „Wie kann eine Spielfigur denn die Kräfte eines lebendigen Wesens erhalten, dies scheint mir gänzlich unmöglich!“ „Auch ich habe es noch nicht genau bedacht, doch fühle ich schon, wie die Gestalt sich zu formen beginnt. Eine Welt will ich auf dem Astapada erschaffen, einer wahrhaftigen Schlacht gleich. So sei dieses Spiel, kaum Spiel mehr zu nennen, wahrlich eines Königs würdig!“
Ungläubig und ängstlich starrte der Diener auf die Figuren, als würde er befürchten, sie sogleich auf zauberische Weise erwachen und kämpfen zu sehen.
„Sieh her“ Der Brahmane brannte im Feuer seiner Eingebung. „Wie bewegt der Fußsoldat sich in der Schlacht?“ „Nun, zumeist schreitet er gerade voran, langsamer als Wagen, Elefanten und Reiterei.“ „Dann sei ihm auch auf dem Brett ein Schritt nur gegeben, will der Spieler an dem die Reihe dann ist, einen der Fußsoldaten bewegen, so kann er ihn ein Feld gerade nach vorne rücken, nicht mehr. Auch in der Schlacht dauert es lange, bis die Truppen sich erreicht haben und der Kampf beginnen kann. Wohl dem Feldherren, der diesen Zusammenprall gut bedacht und vorbereitet hat.“ „Und die Kampfwagen, was ist ihnen erlaubt?“ fragte gespannt der Diener, der die Idee seines Herren zu begreifen begann. „Die Kampfwagen mit den Bogenschützen darauf sind eine mächtige Waffe, sie brauchen jedoch Raum, erst dann sollten sie ihre schnelle Fahrt beginnen. Auch Hindernisse können sie nur schwer überwinden.“
Der Brahmane versank in tiefes Grübeln, während der Diener sich erhob, um die herunter gebrannten Kerzen zu ersetzen. „Ist der Weg frei, so mögen sie in gerader Bahn ziehen, so weit das Brett es Ihnen gestattet, oder aber auch nur ein Feld, sollte dies günstiger sein.“ „Und was, wenn eine Figur ihnen im Wege steht?“ „Die eigenen Männer müssen natürlich geschont werden, vor ihnen muss der Kampfwagen seine Fahrt beenden. Doch was geschieht mit den Figuren des Gegners, wie soll der direkte Kampf überhaupt geführt werden? Eine sehr gute Frage!“
Der Brahmane versuchte, sich den Nahkampf auf dem Schlachtfeld vorzustellen. Die Kämpfer prallen aufeinander, der getötete Krieger verlässt seinen Körper, um den Weg in seine nächste Inkarnation anzutreten. Auf dem Schlachtfeld jedoch ist er als Kämpfer nicht mehr existent. Dann musste er auch an das Lieblingsspiel des Königs und seine simplen Regeln denken.
„Ganz einfach, kann die eigene Figur aufgrund ihrer Zugweise eine Figur des Feindes erreichen, so setzt sie sich an deren Stelle und die Kampfeinheit des Gegners verschwindet vom Brett, auf diese Weise ist sie getötet!“
„Und wie ist es um die Reiterei bestellt?“ fragte neugierig der Diener, dessen besondere Liebe immer dieser Waffengattung gehört hatte. Nachdenklich wog der Brahmane eine der kunstvoll gearbeiteten Terrakotten in der Hand. Sie zeigte einen mit Rüstung bewehrten Krieger auf dem Rücken eines gezäumten Pferdes. „Ein berittener Krieger ist schnell und wendig, Hindernisse kann er zumeist überspringen. Für den Gegner sind seine Bewegungen oft überraschend, plötzlich kann er die Richtung wechseln. Ein einfacher Zug entlang der Geraden oder Schrägen scheint mir nicht den wahren Charakter zu spiegeln. Hindernisse sollen den Lauf des Reiters nicht aufhalten können, ihm sei auch auf dem Schachbrett die Gabe des Sprunges verliehen. Wie wäre es, wenn er innerhalb des Zuges noch seine Richtung wechselt?“ „Wie meint Ihr das?“ fragte erstaunt der Diener. „Sieh her“:
Der Brahmane setzte den Reiter wieder auf sein Ursprungsfeld. Dann ergriff er ihn und führte ihn zunächst zwei Felder gerade nach vorne, ließ die Figur jedoch noch in der Luft schweben. „Und nun stell Dir den Kampf auf dem Schlachtfeld vor: In schnellem Lauf sprengt der Berittene auf den Gegner zu, doch dieser erblickt die Gefahr und wirft sich zur Seite. Wird ihn das retten?“ „Nein, denn ein guter Reiter vermag blitzschnell der Bewegung des Feindes zu folgen und einen Haken zu schlagen, um ihn dennoch mit dem Säbel zu ereilen.“ „Genauso habe ich es gemeint!“ rief triumphierend der Brahmane und schmetterte lautstark die Figur auf ein Feld zur Rechten. „Zwei Felder gerade, dann eins im rechten Winkel zur Seite, so sei in dieser Welt der Reiter beschrieben.“
„Ihr vollbringt ein wahrhaft erstaunliches Werk, oh Herr!“
„Noch ist es nicht vollendet, das Wesen des Kampfelefanten gilt es zu bannen dies ist der vierte der Heeresteile.“ „Eine schwere Aufgabe, wie mir scheint. Kein Hindernis kann ihm standhalten, doch ist er nur schwer zu lenken. Hat er einmal in vollem Galopp seine Richtung gewählt wird er keiner Weisung mehr folgen. Oft werden die Elefanten in schräger Bahn über das Schlachtfeld gejagt, so sollen Sie die geraden Reihen der gegnerischen Fußsoldaten zerstören.“ „Vielleicht enthalten Deine Worte schon die Lösung des Rätsels. Hindernisse sollen diese Figur nicht halten, hierin dem Reiter gleich, doch die Richtung kann er im Zuge nicht wechseln. Zwei Felder auf schräger Bahn, das ist in diesem Spiel die Kraft des Elefanten.“
„Und wie steht es um die Macht des Königs, oh Mantrin?“ ertönte direkt hinter dem Brahmanen eine hohe, knabenhafte Stimme. Sein Körper flog herum. Dann schien die Zeit zu gefrieren, endloser Augenblick, Eiseskälte kroch durch die Adern. Die schmale Gestalt des Königs vor ihm stand im seltsamen Gegensatz zu den beiden massigen Leibwächtern. Ihre Oberkörper waren entblößt, an den Seiten trugen sie riesige Säbel. „Höre ich keine Worte der Weisheit von meinem höchsten Berater? Habe ich Euch etwa überrascht, Euch, der Ihr doch immer zu wissen scheint, was zu tun ist und was als nächstes geschieht? Einen neuen Schlachtplan erwartete ich, den Feind zu schlagen, wenn der Regen versiegt. Doch sehe Ich Euch über ein Brett gebeugt, die Spielfiguren eines Knaben in Händen. Trauer überkommt mich, wenn selbst Ihr Eure Pflicht vergesst, wem kann ich jetzt noch vertrauen?“ Für einen winzigen Moment veränderte sich der Ausdruck des Königs und der Brahmane vermeinte, hinter harten Augen ein einsames Kind zu sehen. „Ihr wisst wohl, welche Strafe auf Verrat im Kriege steht?“ Der Moment war verflogen, die Stimme des Königs schrill und scharf. Ein unruhiges Zucken ging über das stumpfe Gesicht des rechten Leibwächters, seine Faust krampfte sich um den Säbel. Mit höchster Anspannung blickte er auf den König, als warte er auf ein bestimmtes Signal. Worte der Verteidigung formten sich im Brahmanen, doch hatte ihn eine seltsame Lähmung ergriffen. Kein Glied vermochte er zu rühren, sein Blick klebte an der Faust des Leibwächters, auf der sich jetzt eine große schwarze Fliege niedergelassen hatte. Größer und größer wurde die Fliege, schon füllte sie sein ganzes Universum. Mit entsetzlicher Anstrengung gelang es ihm, sich loszureißen und den Blick wieder dem König zuzuwenden. Er sah ihn sich nach den Leibwächtern drehen, unendlich langsam wie ihm schien, hob der König die Rechte und öffnete den Mund, als das Astapada mit lautem Krach vom Tisch flog. Der Diener des Brahmanen, der in der vorgeschriebenen Demutshaltung mit dem Kopf am Boden vor dem König gekniet hatte, war urplötzlich aufgesprungen und hatte dabei Brett und Figuren vom Tisch gefegt. „Eine neue Welt hat mein Herr geschaffen, eine königliche Gabe, sie dem größten der Herrscher darzubringen! Krieger aus Ton hat er mit Leben erfüllt, mit ihnen könnt Ihr jetzt Schlachten auf dem Astapada schlagen! “ Mit weit aufgerissenen Augen, die Arme fest an die Seiten gepresst stand der Diener nun starr vor dem König. Völliges Schweigen folgte, nur das ständige Rauschen des Regens war wieder zu vernehmen. Das Licht eines neuen Tages erhellte das Zelt.
In schneller Folge spielte eine Palette von Empfindungen über das Gesicht des Herrschers. Völlige Verblüffung wandelte sich in rasende Wut, doch plötzlich schüttelte ein mächtiges Gelächter den König. „Dieser Feldzug scheint noch manche Überraschung für mich bereit zu halten! Einen wahrhaft treuen und mutigen Diener habt Ihr, Mantrin. Und es ist ihm gelungen, mich neugierig zu machen. Von welch einer neuen Welt, von was für Schlachten spricht er?“
Schon kroch der Diener eilfertig über den Boden, um die verstreuten Figuren zu sammeln, schnell lag das Astapada wieder am Tisch. Die eiserne Klammer um die Brust des Brahmanen löste sich, frische Luft strömte in seine Lungen. Mit wenigen klaren Worten offenbarte er dem König seine Vision einer wahrhaftigen Schlacht auf dem Astapada. Nun hatte der König anstelle des Dieners auf der anderen Seite des Tisches Platz genommen und lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit, während die beiden Leibwächter fleischgewordenen Statuen gleich regungslos verharrten. Selbst in seinen kühnsten Träumen hätte der Brahmane nicht die Faszination erahnen können, die sein Spiel auch in unfertiger Form auf den König ausübte. Schon begann dieser, die Figuren auf die beschriebene Weise über das Brett zu bewegen, gegnerische Steine mit einer flinken, schnappenden Bewegung zu beseitigen. Der Brahmane war von der raschen Auffassungsgabe und wachen Intelligenz des Herrschers überrascht, die sonst zumeist hinter hochfahrendem und unreifem Gebaren verborgen blieb. „Noch ist Euer Werk aber nicht vollendet, wie steht es um den König und seinen Berater?“
Dem Brahmanen war bewusst, wie viel von der rechten Antwort auf diese Frage abhing. Nicht nur die letzten Probleme des Spiels galt es zu lösen, auch die Gunst des Herrschers musste er wieder gewinnen. Er suchte, seinen Geist zu beruhigen und wieder dem scharfen Messer der Analyse zu vertrauen.
„Natürlich ist der König die wichtigste Figur, dies wird uns aber zunächst zum Problem des Ausgangs des Spieles führen. Wann ist die Schlacht denn gewonnen?“ „Wenn die Truppen des Feindes alle vernichtet sind“ folgte sofort die Antwort des Königs. „Ganz recht und so soll auch in unserem Spiele die Seite siegen, die alle Steine des Gegners geschlagen hat. Doch ist dies nicht wirklich genug. Nicht gespiegelt wird so die Bedeutung des göttlichen Herrschers für sein Volk und das Heer. Ist nicht im Kampfe das Heer einem Körper gleich, der König aber die Seele?“ „Ein schönes Bild, oh Mantrin, doch wie soll Euch das Zauberkunststück glücken, auch dies in Eurem Spiele zu bannen?“ „Kann ein Heer ohne König denn wirklich kämpfen? Wird auf dem Schlachtfeld der König erschlagen oder gefangen, so wird seine Armee der Verzweiflung verfallen. Bedingungslose Kapitulation ist meist dann die Folge, nicht denkbar ist sinnvoller Kampf ohne den obersten Feldherren. Höchster Lohn ist dem Krieger gewiss, der den König des Feindes erschlägt. Und so sei es in unserem Spiele edelstes Ziel, den König des Gegners zu besiegen. Ist dieses gelungen, gibt es keine Rettung für die Figur des feindlichen Herrschers mehr, dann sei der Kampf zu Ende, das Spiel gewonnen.“ „Mehr und mehr gefällt mir Euer Werk, Mantrin, scheint es doch wahrlich ein Spiel der Könige zu sein. Doch habt Ihr meine Frage noch nicht beantwortet, wie bewegen sich König und Berater über das Brett?“
Völlige Klarheit herrschte im Geist des Brahmanen, aus höherer Quelle schienen Ideen zu strömen. Ohne zu denken sah er die Antwort vor sich. „Einem König ist alles gestattet, in jede Richtung mag er sich bewegen, vor und zurück auf den Geraden wie den Schrägen. Doch ziemt ihm Hast oder überstürzte Eile nicht, ein Feld weit bei jedem Zug das ist sein Revier. Möglich, aber nicht leicht wird es im Spiele sein, solch edles Wild zu erjagen. Zum Schutze dienen soll ihm sein treuer Berater an seiner Seite. Ein Feld auf schräger Bahn sei ihm gegeben, sich rettend vor seinen Herrscher zu werfen, sollte Gefahr ihm drohen.“ „So lasst uns nun endlich beginnen!“ Mit kindlichem Eifer ergriff der Herrscher den Fußsoldaten vor der Figur des Königs, um ihn ein Feld nach vorne zu rücken. Schnell entwickelte sich ihr erstes Spiel. Ungestüm schickte der König seine Streitkräfte nach vorne, begierig, den feindlichen Herrscher zu bedrohen, in dem er das Abbild seines verhassten Feindes erblickte. Mit ruhiger Sammlung antwortete der Brahmane, die Absichten des Königs dabei wohl bedenkend. Schon hatte sein tückischer Reiter zwei einfache Soldaten des Königs über den Rand des Brettes befördert, schon war sein Streitwagen in langer Fahrt ins entblößte Lager des Gegners eingedrungen, als ein triumphierender Schrei des Königs ertönte. „Seht her, mein Wagen bedroht Euren König, was kümmern mich die Verluste! Auch in Eurem Spiele zeigt sich der Genius des Feldherren!“ Ohne zu zögern ergriff der Brahmane die Figur des Beraters, um sie vor seinen wertvollsten Stein zu schieben und den Angriff zu neutralisieren. Rot begannen die Ohren des Königs sich zu färben, wütend fegte er den Becher mit feurigem Wein vom Tisch, den der Diener ihm gerade kredenzte. Umsonst blickte er nach Unterstützung des Angriffs, weit zurückgeblieben und untätig ruhte der Rest seiner Armee. Kurze Zeit später hatten die Figuren des Brahmanen reiche Beute gemacht und begannen, den Stein des Königs zu umzingeln. Zug um Zug zog sich die Schlinge zusammen, wurde die Niederlage des Königs offenbarer. Wie im Rausch spielte der Brahmane, die Außenwelt war völlig verschwunden. Nur das Brett und seine lebendigen Steine gab es noch.
Ein seltsames Geräusch zwischen Stöhnen und Knurren riss ihn aus seiner Trance. Der König hatte sein tönernes Ebenbild ergriffen, um es mit wuchtigem Schwung gegen eine der Zeltstangen zu schleudern, wo es in zahllose Stücke zerbrach. „Eingelullt habt Ihr mich mit teuflischem Blendwerk, wertvolle Zeit wurde mit unsinnigem Spiele vergeudet!“ Ruckartig erhob sich der König, um sich seinen Leibwächtern zuzuwenden. Einen dreifachen Narren hieß sich der Brahmane, das Spiel hatte er gewonnen und alles verloren! Wie konnte er nur alle höfische Vorsicht vergessen und den Herrscher vor seinem Diener und den Leibwächtern bloßstellen. „Nun verdiene ich wirklich, was mich erwartet“, war noch sein bitterer Gedanke.
Da blieb der Blick des Königs nochmals am Spielbrett hängen. Aus der Entfernung erst erkannte er die kunstvolle Schlachtordnung des Brahmanen. Jedem Spielstein war seine besondere, ihm gemäße Aufgabe zugewiesen, einige Fußsoldaten sowie der Berater schirmten den unersetzlichen König, der Rest der Armee war gemeinsam in geschlossenen Reihen gegen den gegnerischen Herrscher vorgerückt. Eine innere Kraft schien das Heer des Brahmanen zu verbinden. Ihm gegenüber standen nur zusammengewürfelte Steine, zusammenhanglose Truppenteile, weit über das Brett versprengt. Minutenlang verharrte der König bewegungslos vor dem Astapada. Dann ging ein schiefes Lächeln über sein Gesicht. „Doppelt habt Ihr mich heute bezwungen, oh Mantrin! Denn dieses Spiel zeigt mir, dass es auch für einen König noch manches zu lernen gibt. Oft habe ich unfähigen Generälen und Ministern die Schuld für manchen Fehler gegeben, doch in Eurem Spiele war ich selbst es ganz alleine, der die Verantwortung für seine Armee trug. Wollt Ihr auf Spielbrett und Schlachtfeld mein Lehrmeister sein, mir den Weg zur Vervollkommnung weisen?“ Selbst auf den groben Gesichtern der Leibwächter war Überraschung zu lesen, niemals hatte jemand solche Worte vom stolzen König vernommen. Doch schon saß dieser wieder am Spielbrett, begierig, die nächste Partie zu beginnen. Kaum Schlaf fanden in den nächsten Tagen der Herrscher und sein höchster Berater, selbst Speisen und Getränke wurden ihnen ans Brett gereicht. Schnell lernte der König und bald war er dem Brahmanen ein fast ebenbürtiger Gegner.
Dann begann der Regen zu versiegen, die Generäle betraten das Zelt, um Weisungen für die kommende Schlacht zu erhalten. Mit steifen Gliedern erhob sich der König und sammelte seinen Kriegsrat. Pläne wurden geschmiedet, das Heer für den Kampf gerüstet. Nicht lange brauchte die sengende Sonne, die Spuren des Regens verschwinden zu lassen und das Schlachtfeld zu bereiten.
Wieder standen die feindlichen Reihen sich gegenüber, bald würden die Waffen sprechen. Mächtige Hörner erschallten, weithin tönten die Schlachtrufe der Soldaten. Da wandte der König im prächtigen Kampfwagen sich zu seinem Berater. „Nun wird sich weisen, was das magische Spiel uns gelehrt hat. Doch kämpft es ja für sich selbst. Gehen wir unter, wird auch Euer Werk von dieser Erde getilgt. Siegen wir aber, ist ihm ein langes Leben gewiss!“Hoch über den Kopf erhob er den blitzenden Säbel, um seine Männer zum Angriff zu führen. Und die Schlacht begann.
Wohl um 570 nach Christus trat das indische Urschach, das Tschaturanga, seine lange Reise über diese Erde an, um als nächstes den Hof des Perserkönigs Khusrau Anushirvan zu erreichen.
Ein bis zum heutigen Tage strittiges Thema jedoch stellt die Art der Entstehung, also im Grunde die Frage des Schöpfungsaktes dar. Welche Wurzeln liegen dem indischen Schachspiel zugrunde?
Als eigentliche Keimzelle sehen einige Schachhistoriker ein „Vierschach“, ein von vier Parteien mit Würfeln vollzogenes Spiel. Der Fall der Würfel bestimmt hier, welche Figur der jeweilige Spieler ziehen darf. Für weit älter noch halten die Anhänger dieser These jenes Spiel, noch vor Buddha, also schon im 6.Jahrhundert vor Christus soll es existiert haben. Mir persönlich leuchtet diese Vermutung gar nicht ein. Sollte sich tatsächlich das vom Aufbau einfachere Zweischach aus dem komplexeren Vierschach entwickelt haben, das ja durch den Einsatz von Würfeln noch ein gänzlich anderes Element enthält? Auch fehlt ja dem Vierschach das „natürliche“ Vorbild einer realistischen Schlacht.
Umgekehrt halte ich das Vierschach für eine spätere, „volkstümliche“ Variante, die die damalige indische Leidenschaft für Würfel-und Glücksspiele mit einer Abart des Schachspiels verband.
Sehr plausibel dagegen ist die von der Münchner Indologin Renate Syed vertretene und sorgfältig belegte These, das um die Mitte des sechsten Jahrhunderts entstandene Tschaturanga entstamme einem didaktischen Modell des Krieges, einer „Kriegsübung im Sandkasten“. Auf diese Weise sollten wohl die schon damals ausgefeilten Theorien der rechten Kriegsführung dargestellt und erprobt werden. Schon lange bekannt war zu jener Zeit das 8x8-Brett, das Astapada, welches mystisch-magische Bedeutung besaß. Es wurde vermutlich zum Wahrsagen, aber auch für andere, frühere Spiele verwandt.
Weiter erhärtet wird dieser Ansatz durch Funde von Terrakotta-Figuren aus jener Epoche in Indien, deren Einsatz als Schachsteine durchaus wahrscheinlich ist.
Gerade für den heutigen Schachspieler ist eine kurze Betrachtung der Regeln des Tschaturanga im Verhältnis zum modernen Schach sehr spannend. Auch zeigen sich hier tatsächlich klare Entsprechungen zu Eigenschaften der jeweils abgebildeten Waffengattung.
Unverändert geblieben ist die Gangart des Königs, des Kampfwagens, der dem heutigen Turm entspricht, sowie des Reiters, der den selben Regeln wie der heutige Springer gehorchte. Auch der Fußsoldat stimmt mit dem Bauern überein, im ersten Zug durfte er allerdings im Gegensatz zum heute möglichen Doppelschritt nur ein Feld weit ziehen. Seine Verwandlung in den Berater des Königs, sollte er die letzte Reihe des Gegners erreichen, war anscheinend schon recht früh üblich. Hier spiegelt sich vielleicht der Lohn, der einem besonders mutigen Kämpfer zuteil wurde.
Eine im Verhältnis zur mächtigen Dame sehr schwache Figur war jener Berater des Königs (in Persien dann als „Wesir“ benannt). Nur ein Feld auf den Schrägen war ihm als Zugrecht gestattet, kein Vergleich also mit der jetzigen stärksten Figur.
Am erstaunlichsten fand ich jedoch zunächst die relative Schwäche des Elefanten, der sich an der Stelle des jetzigen Läufers befand, stellt man sich doch den Kampfelefanten als furchteinflößende Macht dar. Dies galt jedoch wahrscheinlich weniger für die Inder selbst, die alltäglichen Umgang mit den im Normalfall sanften und gehorsamen Riesen hatten. Lediglich anderen Völkern wie beispielsweise den Römern jagten die Elefanten große Angst ein.
(Im Russischen wird übrigens der Läufer bis heute als „Slon“, also Elefant bezeichnet.)
Seine Fähigkeit beschränkte sich auf den diagonalen Sprung ins übernächste Feld, auf diese Weise konnte jeder der Elefanten nur acht der vierundsechzig Felder überhaupt erreichen. Vielleicht wurde schon damals dessen praktische Kampfkraft nicht mehr so hoch geschätzt, war er doch nur sehr schwer zu lenken und konnte außer Kontrolle geraten leicht zur Gefahr für die eigenen Soldaten werden. Etwas seltsam mutet beim Elefanten die Möglichkeit des „Sprunges“ an, vielleicht sollte hier der Umstand dargestellt werden, dass eine Abteilung von Kampfelefanten kaum durch Hindernisse aufzuhalten war.
Der Kampfwagen dagegen stellte in einem Schach ohne eine Figur wie die heutige Dame eine gewaltige Macht dar, tatsächlich wurde er im indischen Heer als mobile Plattform für Bogenschützen verwandt. Die besten Kämpfer nahmen von den durch zwei oder mehr Pferden gezogenen Wagen aus am Kampf teil, auch der König selbst befand sich wohl zumeist auf solch einem Wagen. Allerdings blieb er normalerweise gut geschützt im Hintergrund, um von dort aus die Schlacht zu verfolgen und zu dirigieren. An seiner Seite verweilte sein höchster Berater, dem in Friedenszeiten auch nicht selten die Führung des Reiches überantwortet wurde. Und so war dieser im Tschaturanga in erster Linie als Schutzfigur für den König, weniger aber zum Kampfeinsatz bestimmt. Ein Brahmane, wie es der Berater des Königs meist war, durfte aus religiösen Gründen kein Lebewesen töten, so daß er in der Realität sowieso niemals aktiv in den Kampf eingreifen konnte. Keineswegs galt diese Einschränkung jedoch für den König selbst, der als oberster Feldherr der Kriegerkaste angehörte und im Gegenteil im Krieg kämpfen und töten musste!
Gerade im Endspiel bei reduziertem Figurenmaterial stellt die Figur des Königs im modernen Schach eine große Kraft dar und auch im Tschaturanga konnte er im späteren Stadium, wenn keine Gefahr von gegnerischen Figuren mehr drohte, sicherlich sehr effektiv eingreifen. Faszinierend ist hier die Ambivalenz von Verwundbarkeit und Kraft, die im 20.Jahrhundert Anregung zu manchen psychoanalytischen Deutungen gab...
Als originellste Erfindung ist aber sicherlich die seltsame Gangart des Reiters zu betrachten, sehr anschaulich ist so die Beweglichkeit der Kavallerie und das Überraschungsmoment einer schnellen Attacke für den Gegner eingefangen. Auch die Fähigkeit des Sprunges spiegelt hier eine ganz reale Fähigkeit.
Noch mehr als ein Jahrtausend später regte der „Rösselsprung“ bedeutende Mathematiker zu Studien über dessen geometrische Eigenart an.
Neben dem sicherlich im Tschaturanga nur schwer zu erreichenden „Schachmatt“ (hierbei handelt es sich um einen offenbar späteren, persischen Ausdruck, der soviel wie „der König, also der „Schah“ ist tot bzw. hilflos“) gab es auch den „Beraubungssieg“, das „Patt“ wurde ebenso als Sieg für die stärkere Seite gewertet.
Im Verhältnis zum heutigen Schachspiel war das Tschaturanga ein wesentlich langsameres und weniger dynamisches Spiel, was aber der Form der damaligen Kriegsführung sehr gut entsprach.
Über fast 1500 Jahre gleich geblieben ist jedoch dessen grundlegende Struktur sowie die Aufstellung der Figuren am Anfang der Partie. Gerade die Ausgangstellung besitzt eine seltsame Magie, hat doch jedes Experiment einer Veränderung erhebliche Nachteile mit sich gebracht und dem Spiel etwas von seinem unvergänglichen Reiz geraubt.
Mit dem Schachspiel wurde in Indien ein lebendiges Modell der Welt geschaffen, ein Mikrokosmos, in dem sich viele Aspekte des menschlichen Denkens und Handelns spiegeln.
Folgen wir nun dieser seltsamen Gabe auf ihrem weiteren Weg:
Glossar:
Maharadscha: Großkönig
Bhagavadgita: Heilige Gesänge Indiens, Andachtsbuch der Hindus
Arjuna: menschlicher Held in der Bhagavadgita
Shiva: Hinduistischer Gott
Krishna: Inkarnation Vishnus, einer anderen Gottheit
Brahmane: Angehöriger der höchsten Kaste
Astapada: Quadratisches Brett oder Plane mit 8x8 Feldern
Mantrin: Bezeichnung für den Berater bzw. Minister des Königs
Getränke: Tee war im Indien jener Epoche noch unbekannt, wohl aber Wein und stärkere Alkoholika sowie Erfrischungsgetränke auf Joghurt-Basis
Bestattungen: Üblich waren Feuerbestattungen











